Der eurowinds-Artikel im Original

CD Rezension

»Transitions« - Leitung: Björn Bus

Auszug aus eurowinds - Juli/August 2014
- Bernd Neuschl

Das Landesblasorchester Baden-Württemberg in eurowinds nochmals vorzustellen, hieße Eulen nach Athen zu tragen. In Europa ist es eines der renommiertesten Auswahlorchester für hochtalentierte Bläser und Schlagwerker. Der junge niederländische Dirigent Björn Bus, der im November 2013 die Nachfolge von Isabelle Ruf-Weber angetreten hat (wir haben berichtet), gibt mit der vorliegenden CD-Einspielung »Transitions« seine klingende Visitenkarte ab – und lässt sich gleichzeitig in Sachen Repertoire und Dirigierhandwerk in die Töpfe schauen. Der vorliegende Live-Mitschnitt dokumentiert die erste Arbeitsphase unter der alleinigen Federführung von Bus. Los geht’s mit Wagners kraftvoller »Rienzi-Ouvertüre«, bei der das LBO als unerschütterliche Bläserbastion eine geerdete Stabilität in Sachen Zusammenspiel und Klangbalance an den Tag legt. Mal zügellos aufzüngelnd, mal ergreifend aufstrebend werden da epische Klanggipfel erklommen, deren ruhige Täler in den langsamen Takten von einer stimmigen und dynamisch weich gebetteten Phrasierung sanft bedeckt werden.

Die titelgebende, zeitgenössische Komposition »Transitions« von Henk Badings (1972) entpuppt sich als virtuoses Spiel musikalischer Parameter und ist eine Wiederentdeckung schlechthin, gehört der 1987 verstorbene Badings in gegenwärtigen Programmierungen zu den doch eher vernachlässigten Komponisten. Das moderne Werk mit spätromantischem Geist beginnt recht aufgeregt. Das wuselt und wimmelt im Holz derart unruhig, dass die wummernd anwachsenden Schwelltöne der tiefen Register regelrecht angelockt werden. Die zupackende Spannung entlädt sich in geradezu platzenden Paukenfellen und schlagkräftigen Rhythmen, ehe die brillant-resoluten Blechbläser martialisches Material beimengen. Die spannende Programm-Musik »Vasa« von José Suñer Oriola zieht den Zuhörer dagegen in ein aufschäumendes Klangabenteuer, das in den Ecksätzen allerlei rhythmische und harmonische Raffinessen zu bieten hat. Thema ist das 1625 von Schwedens König Gustav erbaute Kriegsschiff Vasa, das so stabil wie Knäckebrot war: Bereits beim Stapellauf soll es sang- und klanglos untergegangen sein. Entsprechend selbstbewusst treten die Hörner zu Beginn in Aktion, ehe das Schlagwerk vorantreibend den Weg für aufschäumende Klarinetten ebnet. Nach scharf kontrastierenden Klangklippen beruhigt sich das elanvolle Ensemble.

Ausgelassenheit und Lebensfreude

»Terra Australis« von Thorsten Wollmann gibt dem Meister der Zirkularatmung, Frank Heinkel, reichlich Gelegenheit, mit seinem Didgeridoo ein obertonreiches Schauspiel in die Gehörgänge zu stoßen. Die drei kontrastierenden Sätze »Rainforest«, »Outback« und »Reef« sind wunderbar farbenfroh eingefangene Impressionen und werden vom LBO sehr lebendig interpretiert. Eine weitere Entdeckung: Der Raketenstart in »Cap Kennedy« von Serge Lancen verfügt über eine derart gewaltige Schubkraft, dass man regelrecht in den Sessel gedrückt wird. Hier schlüpft das LBO mühelos in Raumanzüge, um diese kompositorische Mondlandung trittsicher zu meistern. Es muss nicht immer Williams-Fanfarengeflacker und Star-Wars- Getöse sein, um dem Weltraum musikalisch zu huldigen. »Times Square« aus Leonard Bernsteins »On The Town« swingt und sprüht vor Ausgelassenheit und Lebensfreude. Nicht nur die Komposition, auch die Instrumentierung ist ein groovender Geniestreich: Da glitzern die Klangfarben mit den Schalltrichtern der famosen Register um die Wette.

Toningenieur Ralf Schnellbach vom Saarländischen Rundfunk hat in jungen Jahren als Klarinettist bei der Stadtkapelle Bretten und beim Landesblasorchester sämtliche Spiel- und Stilarten der Blasmusik kennengelernt. Er weiß also punktgenau, welche Regler zu schieben und welche Knöpfe zu drehen sind, damit der Sound eines Blasorchesters überzeugend eingefangen wird. Doch nicht nur die tontechnische Machart dieses Produkts weiß zu überzeugen. Allein das zeitgemäße Booklet setzt die Messlatte für vergleichbare CDs im Bläsersegment unglaublich hoch: Informative Texte in Deutsch und Englisch sowie fesselnde Bilder zu jedem Werk lassen diese CD zu einem multisensorischen Erlebnis werden. Der geneigte Hörer muss nur zum jeweiligen Track das passende Bild betrachten. Da werden drei Matrosen auf dem New Yorker Times Square von einer jungen Dame kokett angelächelt, ein schwerelos schwebender Astronaut lässt die Erde hinter sich und exotische Bilder von Korallenriffen laden den Hörer zum buchstäblich blubbernden Eintauchen in bunte Klangwelten ein. Vom Repertoirewert her ist diese CD für Höchststufen-Kapellmeister eine klare Kaufempfehlung. Bus beschreitet nämlich konsequent neue Wege jenseits ausgetretener Verlags-Pfade. Diese begeisternden Interpretationen sind stilsicher ausgestaltet und von einer beherzten Leidenschaft angetrieben. Der opulente und dennoch transparente wie wandlungsfähige Ensembleklang des LBO wirkt warm und geschmeidig. Sattes, kerniges Blech und erdiges Holz fließen hier zu einer unverwechselbaren Klang-Legierung mit hohem Wiedererkennungswert zusammen.

Bernd Neuschl, eurowinds

Der eurowinds-Artikel im Original