Lehrkonzertreihe 2016

„Mitspielen statt zuhören!“


Das Landesblasorchester Baden-Württemberg gehört zweifelsohne zu den erfolgreichsten und führenden Blasorchestern in Europa. Beleg dieser Arbeit auf konstant hohem musikalischen und künstlerischen Niveau sind zahlreiche Erfolge in den unterschiedlichsten Wettbewerben oder, ganz aktuell, die Einladung zur WASBE-Konferenz in San José (Kalifornien, USA) im Juli 2015.

Gerade deswegen ist dem LBO ein guter und enger Draht zur eigenen Basis, den Musikvereinen in Baden-Württemberg, enorm wichtig. Dieser entsteht durch persönliche Kontakte, die bei den vielen Konzerten des LBOs im Land geknüpft werden. Dabei möchte das LBO auch etwas von seinem musikalischen Erfahrungsschatz weitergeben und übernimmt seit Jahren im Rahmen der Lehrkonzerte eine wichtige Funktion der Aus- und Fortbildung. Bisher wurden dabei die unterschiedlichsten Aspekte der Orchester- und Probenarbeit, der Literaturauswahl und des Konzertauftritts näher beleuchtet. Doch in diesem Jahr wagt das LBO einen neuen Schritt:

Wie wäre es, dem LBO nicht nur „zuzuhören“, sondern einmal selbst „mitzuspielen“?

Diese Möglichkeit, „mitspielen statt zuhören!“, bietet sich nun den Musikvereinen und Kreisorchestern im Land. Unter der Leitung des LBO-Dirigenten Björn Bus musizieren die Musikerinnen und Musiker der örtlichen Musikvereine gemeinsam mit denen des LBOs und arbeiten an einem Werk aus ihrem aktuellen Konzertprogramm. Bus gibt dabei nicht nur Probetipps für knifflige Stellen, sondern geht auch auf die Hintergründe und Interpretationsansätze des Werkes ein. Und die LBO-Musiker können ihren Kollegen aus den Musikvereinen wichtige Hinweise bei der Bewältigung der einzelnen Stimmen geben. Darüber hinaus schafft das gemeinsame Musizieren eine gute Möglichkeit sich gegenseitig kennen zu lernen und mögliche Berührungsängste abzubauen. Letztlich werden beide Seiten, Musikverein wie Landesblasorchester, von dieser Begegnung musikalisch und menschlich profitieren.

Bereits im Herbst 2014 erlebte dieses Lehrkonzert seine äußerst erfolgreiche Premiere mit der Miliz- und Trachtenkapelle Oberharmersbach. Bei dem gewählten Stück handelte es sich um die „First Suite“ von Alfred Reed, die Teil des damaligen Konzertprogramms der Oberharmersbacher war. Ein fast 100-Mann starkes Orchester bildete sich aus den beiden Klangkörpern und Björn Bus vermittelte zu den neuralgischen Stellen in allen vier Sätzen der Suite hilfreiche Tipps und Tricks. Dabei ging es einerseits um allgemeine Punkte der Probenarbeit, aber auch ganz konkret um die Umsetzung von Rhythmik, Artikulation und Dynamik.

Unter den Musikern fand ebenso ein reger Austausch statt: Wie schafft man einen technisch anspruchsvollen Lauf in den Klarinetten? Wie organisieren sich die Schlagzeuger? Wie intonieren die Posaunen auch in der Piano-Stelle? Und neben dieser musikalisch herausragenden Erfahrung sprang auch im zwischenmenschlichen Bereich der Funke schnell über. Vielleicht entstehen so die Kontakte, die wichtig sind für das musikalische Weiterkommen auf beiden Seiten.

Und wer vom gemeinsamen Musizieren mit dem LBO dann noch nicht genug hat, für den bietet die LBO-Akademie „Hautnah“ den passenden nächsten Schritt. „Hautnah“ ist man dann an einer Arbeitsphase des Landesblasorchesters in der Musikakademie Kürnbach dabei, und nimmt aktiv an allen Proben teil. Spätestens dann heißt es für jeden: „Mitspielen statt zuhören!“.

Termine für die Lehrkonzerte (Dauer der Veranstaltung ca. 1 Std.):

22.10.2016    78187 Geisingen, Stadthalle 17.30 Uhr
12.11.2106    72581 Dettingen an der Erms, Schillerhalle 16.30 Uhr
13.11.2016    88709 Hagnau am Bodensee, Gwandhaus 15.30 Uhr

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Mittendrin, statt nur dabei...

aus: "BDB blasmusik - Januar 2015"

... war die Miliz- und Trachtenkapelle Oberharmersbach bei einer Probe des Landesblasorchesters Baden-Württemberg (LBO). Das renommierte Auswahlorchester hat dazu gerne den weiten Weg nach Südbaden auf sich genommen, um der Miliz- und Trachtenkapelle im Rahmen eines Lehr- konzerts Tipps und Tricks der Probenarbeit zu vermitteln. Und was für die Trachtenkapelle Oberharmersbach eine aufregende Premiere darstellte, war auch für das LBO ein Experiment – mit Erfolg für beide Seiten.

"Das ist das erste Mal, dass wir ein Lehrkonzert in dieser Form durchführen“, bekundete Thomas Kuhn vom LBO bei seiner Begrüßung in der gut gefüllten Reichstalhalle. Grundsätzlich jedoch ist das Lehrkonzert fester Bestandteil des Lehrauftrags und das LBO nicht nur Repräsentationsorchester und Botschafter der sinfonischen Blasmusik, sondern genauso Fortbildungsorchester und Multiplikator. So gab es in der Vergangenheit schon Lehrkonzerte zu diversen Themen wie „Spielst du noch oder hörst du schon? – vom Ton zum Gesamtklang“, Literatur für unvollständig besetzte Ensembles und Jugendorchester und Orchesterknigge. Ziel des neuen Lehrkonzerts unter dem Motto „Mittendrin, statt nur dabei“ ist es, Musiker beider Orchester in einer gemeinsamen Probe, beim gemeinsamen Musizieren zusammenzubringen und dabei Tipps und Tricks und neue Anregungen für die Probenarbeit zu vermitteln.

Der Miliz- und Trachtenkapelle Oberharmersbach kam der Termin mehr als zupass. Steckte das Orchester doch mitten in der Vorbereitung zum Jahreskonzert an Weihnachten, und deshalb lag beim Lehrkonzert auch ein Stück aus dem Konzertprogramm auf: die „First Suite“ von Alfred Reed. Anderseits ist eine Veranstaltung mit dem Landesblasorchester immer auch einmal eine andere Möglichkeit, Geld für die Vereinskasse zu erwirtschaften. „Wir sollten nicht vergessen, dass man als kultureller Verein der Qualität verpflichtet ist“, sagte Siegfried Rappenecker, der Dirigent der Trachtenkapelle. „Ist es nicht besser, in eine Veranstaltung zu investieren, von der man musikalisch profitieren kann, als Kraft und Energie bei Hocks und Festen zu verbraten?“, fragte er rhetorisch. Seine Musiker konnten das nur aus vollem Herzen bejahen. Löste doch schon die Ankündigung des Lehrkonzerts zunächst nur ungläubiges Staunen aus. So konnte Sebastian Laiblin sein Glück kaum fassen. „Ich habe zuerst gedacht, das ist ein Spaß. Immerhin war das LBO schon mehrfach in Kerkrade erfolgreich“, erzählte der 18-jährige Euphoniumspieler und freute sich: „Jetzt war ich mitten drin“. Berührungsängste gab es indes kaum. „Die waren schnell wie weggeblasen“, fand Klarinettistin Stephanie Isenmann. „Wir wurden gut und freundlich von den LBO-Musikern aufgenommen“. Und Posaunist Matthias Faist fand die gemeinsame Probe einfach nur begeisternd. „Der Dirigent hat eine so positive Ausstrahlung, und alle sind so motiviert“. Auch Viktor Lay schwärmte davon, „wie positiv und motivierend“ die Ausstrahlung des LBO-Dirigenten gewesen sei. „Ich habe noch nie einen Dirigenten erlebt, der so viel erklärt.“ Sebastian Laiblin konnte sich dem nur anschließen. „Die Theorie und das Hintergrundwissen – beides hat sehr geholfen, sich in die Musik hineinzuversetzen.“

Wer die Begeisterung der jungen Oberharmersbacher Musiker indes verstehen will, der muss Björn Bus wohl einmal selbst erleben. Der junge Niederländer, der bei Alex Schillings in Groningen studierte und in Maastricht bei dem international bekannten Dirigenten Jan Cober seinen Master machte, ist seit Anfang des Jahres künstlerischer Leiter des LBO und würdiger Nachfolger von Isabelle Ruf-Weber. Denn auch bei dem 34-jährigen Niederländer spricht die Begeisterung für die Musik aus jeder Bewegung. Sein Dirigat ist transparent und schnörkellos und seine Ausstrahlung genauso, wie es Viktor Lay beschrieben hat „positiv und motivierend“ und mit großer Strahlkraft. Bus strahlt regelrecht ins Orchester und nimmt sich immer wieder Zeit, den Musikern und dem Publikum zu erklären, worauf es in den einzelnen Sätzen von Alfred Reeds Suite und in den einzelnen Registern ankommt. Um im ersten Satz der „First Suite“ Klarheit und Transparenz zu bekommen, fährt Bus zunächst das Tempo zurück und arbeitet dann an Dynamik und Artikulation. Den Focus legt er dabei auf die Hörner. „Mit den Hörnern spreche ich immer nur über Artikulation“, betont Bus. Weil das Horn das einzige Instrument ist, das nach hinten projektiert und 80 Prozent des Klangs nach hinten weggehen, ist die Artikulation in diesem Register besonders wichtig. „Ihr müsst das marcato viel mehr übertreiben und funktionell spielen“, empfiehlt er und appellierte auch im vierten Satz nochmals: „Trennen, trennen, trennen und akzentuieren“. Den zweiten, langsamen Satz nutzte Bus, um den Musikern die Klang- und Artikulationspyramide zu erklären und Grundsätzliches zu Reed zu vermitteln. „Man muss sich für eine Klangfarbe entscheiden, die führt.“ Alle auf einer Lautstärke spielen zu lassen bringe nur Probleme in Sachen Intonation. Abhängig sei die Entscheidung selbstredend vom Charakter des Stücks, von der Besetzung des Orchesters und letztlich auch vom Geschmack des Dirigenten. „Aber bei Reed kannst du nie genug Flöte haben“. Am dritten und „meistdiskutiertesten“ Satz erprobte Bus dann die drei Varianten des Swing, „um zu zeigen, was alles möglich ist mit diesem Ragtime“. Im abschließenden Galopp arbeitete Bus an der Umsetzung der Reed’schen Vorgabe „as fast as possible, but not faster“ und gab nochmals Tipps zur Dynamik. „Wenn die Melodie nach unten geht, dann müsst ihr die Dynamik umdrehen und nach unten Luft geben.“

Tipps und Tricks erhielten die Musiker indes nicht nur vom Dirigentenpult aus. Auch von den Registerkollegen gab es den einen oder anderen Ratschlag, worauf es im Register ankommt. „Mein Registerkollege vom LBO hat mir beispielsweise empfohlen, die Dynamik bei langen Tönen zurückzunehmen“, berichtete Posaunist Viktor Lay, „und dass es auf das Zusammenspiel ankommt, nicht auf Lautstärke“. Dass mezzoforte nicht immer gleich mezzoforte ist, sondern abhängig davon, ob es eine Orchester- oder eine Solostelle ist, mal leiser, mal lauter gespielt wird,das war für die Saxophonisten auch eine Aha-Erkenntnis. „Oftmals sind es nur Kleinigkeiten, die den Unterschied machen“, resümierte Sebastian Laiblin. In der Summe hörten die sich aber „gefühlt 100 Mal besser an“. Seite an Seite gemeinsam mit den herausragenden Talenten des LBOs zu musizieren, hat ihm aber auch noch aus einem anderen Grund gefallen. „Es ist toll, auch einmal das Menschliche mitzukriegen und die Erfahrung zu machen, dass das ganz normale Leute mit den unterschiedlichsten Berufen sind.“ Das, was sein Registerkollege ihm sagte, nämlich, dass es ihm jedes Mal wert ist, beim LBO mitzuspielen, auch wenn er hinterher drei Stunden nach Hause fahren muss – das kann Laiblin nun absolut nachvollziehen. Zusammen mit seinen Vereinskollegen aus dem tiefen Blech überlegt er, sich für die nächste „hautnah“-Phase und damit für ein ganzes Probewochenende beim LBO anzumelden. Dass aus diesen Überlegungen ganz schnell ein Entschluss heranreifte, dazu hat anschließend das begeisternde Galakonzert des Landesblasorchester sicherlich noch den entscheidenden Teil beigetragen.

zu Foto 1: Für die Musiker der Miliz- und Trachtenkapelle Oberharmersbach war es ein ganz besonderes Erlebnis, beim Lehrkonzert des Landesblasorchesters Baden-Württemberg mitspielen zu dürfen. (Foto: LBO)

zu Foto 2: Dirigent Björn Bus motiviert mit Können, Fachwissen und seiner sympathischen Art. (Foto: LBO)

Martina Faller