Digitales Programm

Unser Konzert-Programm im Herbst 2022

Richard Wagner (1813–1883)
Arr. Georges Corroyez
Der fliegende Holländer (1840/ ?)
Ouvertüre
David Maslanka (1943–2017)Traveler (2003)
George Enescu (1861–1955)
Arr. Jacco Nefs
Roumanian Rhapsodie No. 1
Pause
Derek Bourgeois (1941–2017)A Cotswold Symphony op. 109a (1988)

Werkbeschreibungen

Richard Wagner (1813–1883)
Arr. Georges Corroyez

Der fliegende Holländer (1840)
Ouvertüre

Bei Richard Wagners Ouvertüre zur Oper „Der fliegende Holländer“ äußert sich das Reisen als eine rastlose Suche, musikalisch gegossen in schmetternde Klänge mit einer schier unerbittlichen wie unbändigen Wucht. Ruhelos durchstreift der Fliegende Holländer in Wagners romantischer Oper die Weltmeere; es ist eine abenteuerliche Seelenreise zwischen Fluch und Hoffnung, die sich in einer fast rhapsodisch anmutenden Ouvertüre äußert und dabei ein Wechselbad der Gefühle und Empfindungen durchläuft.

Doch von vorne: Wagners Oper basiert auf der Sage vom Fliegenden Holländer, welche Lose auf dem niederländischen Kapitän Bernard Fokke gründet. Wagners Fliegender Holländer indes ist mit einem Fluch belegt und muss bis in alle Ewigkeit mit seinem unglückbringenden Geisterschiff zur See fahren. Nur alle sieben Jahre darf er einmal ans Ufer, um nach einem Menschen zu suchen, dessen feste Liebe ihn dauerhaft zurück ans Land bringen und erlösen könnte. Doch Jahrhunderte der Suche waren ergebnislos, bis er auf die Kaufmannstochter Senta trifft. Senta kennt sein Schicksal bereits und empfindet Mitleid mit der verlorenen Seele.

Wagner selbst komponierte die Oper unter dem Eindruck einer stürmischen Schiffsreise, die er 1839 als blinder Passagier von Pillau nach London wagte, auf der Flucht vor seinen Gläubigern in eine ungewisse Zukunft. In seiner Autobiografie Mein Leben schildert Wagner, wie prägend diese zweiwöchige Schiffsfahrt für ihn war und insbesondere als Inspiration für seine Oper diente.

Aus Geldnot verkaufte er eine erste Fassung an die Pariser Grand Opéra, doch zahlreiche weitere Versionen und Überarbeitungen illustrieren, wie wichtig Richard Wagner ihm diese Oper war. Nach dem Erfolg seiner „Rienzi“-Oper in Dresden wurde schließlich auch der Fliegende Holländer am 2. Januar 1843 zur Uraufführung gebracht. Wagner selbst überarbeitete seine Fassung 1860 noch einmal und verlegte die Handlung von Schottland nach Norwegen.

Noch heute hat das Werk eine herausragende Bedeutung, gilt es doch als Wagner erste vollwertige Oper und das Erlösungsmotiv als Schlüsselmoment und Ausgangspunkt für Wagners weitere Musikdramen. Doch auch die behandelten Themen bleiben zeitlos: die rastlose Sinnsuche eines ermüdeten Geistes, die stürmische See als Spiegel einer unruhigen Seele, die Suche nach Erlösung in Form von bedingungsloser Liebe – mehr Musikdrama geht nicht.


David Maslanka (1943–2017)
Traveler (2003)

David Maslanka ist ein US-amerikanischer Komponist, der weit über den Rand seines Kompositionsschreibtisches schaute. Der studierte Klarinettist, Komponist, Musiktheoretiker und Dr. phil. beschäftigte sich intensiv mit Geschichte, Psychologie, Anthropologie, Mythologie, Poesie und Religion. All das trägt nachhaltig zu Maslankas einzigartiger und unverkennbarer Tonsprache bei. Sein Kompositionsstil basiert oft auf Mediationserfahrungen, ist farbenreich und zielt auf Selbstentdeckung. So verhält es sich auch bei seiner Komposition Traveler, welche David Maslanka im Jahre 2003 wie folgt beschrieb:

»Die Idee zu Traveler entstand aus dem Gefühl einer großen Bewegung im Leben, als ich über den Ruhestand meines Freundes [Ray Lichtenwalter, US-amerikanischer Dirigent] nachdachte. Traveler beginnt mit einer selbstbewussten Aussage der Choralmelodie ›Nicht so traurig, nicht so sehr‹ [Johann Sebastian Bach]. Der Choral wurde nicht wegen seines Titels gewählt, obwohl er im Rückblick recht passend erscheint. Der letzte Teil des Lebens muss nicht traurig sein. Er ist eine Anhäufung all dessen, was zuvor geschehen ist, und eine kraftvolle Projektion in die Zukunft – das Potenzial für ein gewaltiges Geschenk des Lebens und der Freude. Und so beginnt die Musik mit Energie und Bewegung und stellt ein engagiertes Leben in vollem Gang dar. Nach der Hälfte des Stücks kehrt eine meditative Ruhe ein. Die Kämpfe des Lebens sind weitgehend abgeschlossen; die Seele bereitet sich auf ihren nächsten großen Schritt vor.

In unseren Herzen, unserem Verstand, unseren Seelen
Reisen wir von Leben zu Leben zu Leben
In Zeit und Ewigkeit.«

David Maslankas Programmnotizen erinnern stark an die Tondichtung Tod und Verklärung (1889) von Richard Strauss (1864–1949). Auch wenn beide Werke den Lauf des Lebens und den Übergang in die Transzendenz zum Inhalt haben, so zeigt sich doch eine völlig andere musikalische Darstellung. Strauss beginnt musikalisch am Ende des Lebens, in dem er einen sterbenden Kranken beschreibt, der auf sein Leben zurückblickt. Maslankas Reise setzt dahingegen abrupt und mitten im Leben ein:

Traveler beginnt mit einem dramatisch instrumentierten Bachchoral, welcher in eine rhythmische Deklamation übergeht. Zwischen den einzelnen Phrasen ergießen sich virtuose Läufe, aus denen sich eine beständige Basslinie entwickelt. Das Leben beschleunigt seine Fahrt. Fragmente verschiedener Lebenssituationen rauschen in zwingenden Rhythmen und überfordernden Turbulenzen vorbei. Die Wiederholung des Deklamations-Motives unterstreicht bedeutungsvolle Momente im Leben. Endlich kristallisiert sich eine horizontale Melodie heraus, die sowohl in die Ferne als auch nach innen gerichtet ist. Aus der Dramatik wird Optimismus. Die Musik befindet sich im freudvollen Flug, der jedoch bald von hektischen Rhythmen gestört und von schicksalshaften Paukenschlägen beendet wird. Nach einer theatralischen Pause erklingen wieder die Verse des Bachchorals. Doch dieses Mal offenbaren sie sich meditativ und laden auf der Bühne und im Publikum zur Reflexion ein: Was hat mich auf meinem bisherigen Lebensweg geprägt? Wo stehe ich heute mit meinem Leben? Wohin möchte ich mich auf meiner weiteren Lebensreise entwickeln? Zwischen diesen Fragen funkeln immer wieder glitzernde Bewegungen, die verdeutlichen: das Leben muss weitergehen! Aber wie? Das Klavier beginnt zu pulsieren. Die Musik dehnt sich aus. Es entsteht eine schier unbegreifliche Weite, durch die eine sehnsuchtsvolle Melodie schwebt. Diese findet in einer reinen Quinte ihren Ruhepunkt, der gedämpft und meditativ wiederholt wird. Die Stille am Ende des Stücks vermag dann das auszudrücken, nach was sich zurzeit so viele Menschen auf ihrer Lebensreise sehnen: Frieden.

George Enescu (1881-1955)
Rumänische Rhapsodie Nr. 1 in A-Dur, op. 11 (1901)

Das kam unerwartet: Als George Enescu 1901 mit nur 19 Jahren an den zwei Rumänischen Rhapsodien für Sinfonieorchester arbeitete, ahnte er nicht, dass er mit diesen Werken weltberühmt werden würde. Enescu studierte zu dieser Zeit noch Violine und Klavier in Paris. Aufgewachsen in einem kleinen Dorf im Norden Rumäniens, reiste er später als Geigenvirtuose, Kammermusiker und Dirigent durch ganz Europa. Mit den rumänischen Rhapsodien wollte er eigentlich lediglich ein paar Melodien aus seiner Heimat aneinanderreihen – er selbst sah in seiner Komposition keine überragende Leistung: Er war regelrecht enttäuscht, wie sehr er auf dieses Orchesterwerk als Abbild seiner rumänischen Herkunft reduziert worden ist. Heute ist die erste Rhapsodie der beiden sein bekanntestes Werk.
Das Stück beginnt mit einem säuselnden Wechselspiel von Klarinette und Oboe. Was wie eine schmeichelnde Unterhaltung klingt, ist in Wirklichkeit die Melodie des Volkslieds »Ich hab‘ einen Leu und will ihn versaufen«, was davon handelt, sich mit dem einzigen Geld (Leu = »Löwen«, die Währung Rumäniens) zu betrinken. Das Orchester übernimmt dann die Melodie, verleiht ihr einen raueren Charakter und führt das Publikum in Windeseile durch zahlreiche andere Lieder, Klangfarben und Stimmungen.
Mal klingt die Musik leicht und tänzerisch, mal gehetzt und dramatisch: Holzbläser werfen sich kleinste Motive hin und her, Melodien verlaufen durch mehrere Register. Nach einem rhythmisch raffinierten, fröhlichen Tanz in Dur-Harmonik findet man sich kurz darauf in einer dramatisch moll-gefärbten Melodie wieder, die vom ganzen Orchester getragen wird. Die einzige Konstante: die Spontanität.
Man darf George Enescu nicht nur im Licht der rumänischen Folklore sehen – das hätte vor allem ihm selbst nicht gefallen. In seinem Kompositionsstil hatte er sich zeit seines Lebens nicht festlegen lassen. Trotzdem schmälert das nicht die Leichtigkeit, die Flexibilität und den neckischen Schwung, mit dem seine Rumänische Rhapsodie Nr. 1 unerwartet zum Erfolg wurde.
Dem niederländischen Dirigenten Jacco Nefs ist es gelungen, Enescus differenziertes Werk für Blasorchesterbesetzung zu arrangieren – ohne dabei an Enescus rhythmischen und instrumentatorischen Feinheiten zu verlieren.

Derek Bourgeois (1941–2017)
A Cotswold Symphony op. 109a (1988)

Stellen Sie sich vor, Sie stehen auf dem Gipfel eines anmutigen Hügels im Herzen Englands. Es ist kurz vor Sonnenaufgang. Nebelschwaden ziehen durch die noch dunkle Umgebung. Schleichend setzt die Morgendämmerung ein. Am Horizont zeichnen sich die Silhouetten sanfter Hügelketten ab, die ein langgestrecktes Tal einbetten. Ein Flüsschen plätschert durch die Landschaft und in der Ferne lässt sich ein mit Steinhäuschen gespicktes Dorf erahnen.
Wenn Sie dieses Bild vor Augen haben, dann befinden Sie sich schon Mitten im ersten Satz von Derek Bourgeois´ Cotswold Symphony. Die Cotswolds sind ein malerisches Naturschutzgebiet im Südwesten Englands, das unserem typischen Bild von den grünen Hügeln und sanften Tälern Englands entspricht. Wer die Filme von Harry Potter oder die Serie Downton Abbey kennt, konnte bereits einen vertieften Eindruck dieser faszinierenden Landschaft gewinnen, die Bourgeois zutiefst inspirierte. Der britische Komponist und Dirigent, welcher knapp 400 Kompositionen schuf, machte die Cotswolds zum Inhalt seiner sechsten Sinfonie. Ursprünglich komponierte Bourgeois das Werk für Sinfonieorchester. Doch die von ihm angefertigte Version für Blasorchester übertrifft die Urfassung hinsichtlich ihres Farbenreichtums nochmals. Dies mag an Bourgeois´ vertieften Erfahrungen als Komponist für diese Besetzungsform liegen. Die Cotswold Symphony wird ohne Unterbrechung gespielt, lässt sich jedoch in sechs Abschnitte einteilen:

1. Pastorale: Morgendämmerung: Nebelschwaden ziehen über das Tal von Gloucester
2. Maibaum
3. Der eiserne Marsch von Rom
4. Kirchenglocken: „So sicher wie Gott in Gloucestershire“
5. Die alte Stadt: Gloucester
6. Epilog: Pastorale

Die Szenerie der Morgendämmerung, die im Stile von Maurice Ravel erklingt, kennen Sie bereits. Von dort aus führt uns die Sinfonie weiter zu einem Maibaum, um den fröhlich getanzt wird. Die Fröhlichkeit verändert sich plötzlich in Irritation. In der Ferne beginnt ein Marsch, welcher die unaufhaltsame Invasion des Römischen Reiches symbolisiert, das 400 Jahre lang große Teile Britanniens beherrschte. Analog zu Ottorino Respighis vierten Satz aus Pini di Roma kommen die römischen Legionen immer näher. Die Musik wird kraftvoller, unerbittlich und brutal. Nach einer letzten heroischen Deklaration macht die Sinfonie Platz für eine nostalgische, friedvolle Interpretation der Marschmelodie. Es folgt eine schicksalshafte Transformationssequenz im Stile Gustav Mahlers, an deren Höhepunkt die erlösenden Kirchenglocken der Stadt Gloucestershire erstrahlen. Darüber legt sich ein edles Thema im Dreivierteltakt, das sich Stück für Stück nach innen richtet und Raum für warme, sehnsuchtsvolle und intime Klänge schafft. Sanft werden wir zu dem Thema zurückgeführt, mit dem die Sinfonie begonnen hat. Doch dieses Mal erklingt es ruhig und gelassen. Plötzlich beginnt von hier aus ein Streifzug durch die alte Stadt Gloucestershire. Dieser Abschnitt ist komplex, virtuos und sprudelt nur so vor Lebensfreude. Sangliche, rhythmische und quirlige Passagen wechseln sich ab. Nach einiger Zeit erklingt ein nobler Marsch ganz im stolzen englischen Stil, der an die Musik von Edward Elgar erinnert. Der Marsch endet majestätisch in einem strahlenden A-Dur-Akkord. Nach einem kurzen Übergang erschafft Bourgeois nun den großen Bogen seiner Sinfonie. Wir beenden unsere Reise durch die Cotswolds dort, wo wir sie begonnen haben: auf dem grünen Gipfel eines anmutigen Hügels in der nebligen Morgendämmerung. Die ursprüngliche, pastorale Melodie taucht wieder auf, dehnt sich ins Unermessliche und offenbart das klanggewaltige Finale der Sinfonie. Nach einem letzten Tutti-Crescendo setzt das Orchester einen fulminanten Schlussakkord im Fortefortissimo. Dessen Nachhall gibt dem Orchester und Publikum Zeit, dieses monumentale und abwechslungsreiche Meisterwerk nachwirken zu lassen.